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Ginga: Was Bayern München mit dem Brasilien der 1970er Jahre gemeinsam hat

Schönheit und Spaß stehen über taktischen Zwängen. Es regiert das organisierte Chaos. Ein paar Beispiele gefällig? Innenverteidiger Jonathan Tah taucht als linker Außenstürmer auf, Kane macht den vertikalen Spielmacher auf der Sechserposition. Das ist alles geplant und Teil einer Spielweise, die keine starren Positionen kennt, aber dennoch viel Disziplin abverlangt.

So innovativ Bayerns mannorientiertes Pressing und ständige Positionswechsel aussehen mögen: All das gab es schonmal. Man nannte es „Ginga“.

Was bedeutet „Ginga“ überhaupt?

Wer den Begriff zum ersten Mal hört, denkt vielleicht an Samba-Musik oder brasilianische Lebensfreude — und liegt damit gar nicht so falsch. Ginga hat seine Wurzeln im Kampftanz Capoeira und beschreibt im Fußball die Kunst, durch geschmeidige, scheinbar improvisierte Körperbewegungen und Positionswechsel den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Bei Ginga geht es nicht darum, eine Position zu halten. Stattdessen geht es darum, jeden Raum intuitiv zu besetzen – egal, durch wen. Beim legendären brasilianischen Weltmeisterteam von 1970 in Mexiko war dieses Prinzip zur höchsten Vollendung gereift.

Trainer Mário Zagallo verfügte über etwas geradezu Surreales: fünf Spieler, die in ihren Klubs allesamt als klassische Nummer 10 fungierten — Pelé, Gerson, Rivelino, Tostão und Jairzinho. Niemand war eigentlich ein klassischer Mittelstürmer, niemand ein reiner Außenspieler. Und genau das war die Waffe.

„In diesem Team hatten wir fünf Spieler im Einsatz, die in ihren Klubs praktisch dieselbe Funktion hatten. Wir waren alle die klassische Nummer 10. Keiner von uns war eigentlich Stürmer.“

Jairzinho (Topscorer der WM 1970; 7 Tore in 6 Spielen)

Jairzinho trug zwar offiziell die Rückennummer 7 als Rechtsaußen — tauchte aber nach Belieben im Zentrum auf, wechselte auf den linken Flügel und entwickelte von dort enorme Torgefahr. Trainer Zagallo beschrieb ihn als Spieler, der „alle Voraussetzungen für einen Rechtsaußen, einen Mittelfeldspieler und einen Mittelstürmer — alles in einer Person — erfüllte“.

Das finale Tor des Turniers gegen Italien entstand durch einen minutiös geplanten Positionstausch: Jairzinho zog bewusst nach links, um Italiens Linksverteidiger Facchetti mitzuziehen — und öffnete damit die Bahn für Rechtsverteidiger Carlos Alberto zu einem der schönsten Treffer der WM-Geschichte.

Das war kein Zufall. Das war Ginga mit System.

Baut Kompany Bayern nach brasilianischem Vorbild?

Was Vincent Kompany in München aufgebaut hat, ist auf den ersten Blick moderner Fußball à la Pep Guardiola — und das stimmt ja auch. Kompany hat unter Guardiola gespielt, hat dessen Prinzipien verinnerlicht. Aber die tiefere DNA des Systems, die philosophische Grundlage, geht weiter zurück. Denn das Prinzip, das Kompany anwendet, lautet: Jeder Raum muss besetzt sein, wobei es keine Rolle spielt, wer den jeweiligen Raum besetzt.

Die Zahlen sprechen dabei eine klare Sprache. Bayern lässt nur sechs gegnerische Torschüsse pro Spiel zu — Topwert in Europas Top-5-Ligen. Das ist kein Zufall, sondern das direkte Ergebnis des Gegenpressings: Weil die Spieler im Zentrum eng beieinanderstehen, sind die Wege nach einem Ballverlust kurz. Es gibt kaum eine Möglichkeit für den Gegner, drei erfolgreiche Pässe in Folge zu spielen, ohne unter Druck zu geraten.

Das 2-3-5: Struktur im Chaos

Nominell spielen die Bayern mit einer Viererkette. De facto sieht das Spiel völlig anders aus. Im Ballbesitz entsteht eine 2-3-5-Struktur: Tah und Upamecano bleiben hinten, davor bauen Kimmich (oder Pavlovic) und die einrückenden Außenverteidiger Laimer und Stanisic eine Dreierreihe. Darüber entfalten sich fünf Angreifer — wobei die Positionen dieser fünf ständig rotieren.

Genau hier beginnt die Parallele zu 1970. Bei Brasilien galt: Jairzinho war nominell Rechtsaußen, aber wenn er in die Mitte zog, rückte Carlos Alberto auf. Tostão ließ sich fallen, Pelé übernahm dessen Raum. Das System hatte keine festen Positionen — nur feste Räume, die immer besetzt sein mussten.

MerkmalBrasilien 1970Bayern München 2025/2026
Positionsflüssigkeit5 Spieler mit Nummer-10-Charakter; Dauerrotation in der OffensiveMaximale Flexibilität: Kane als 6er, Tah als Außenstürmer etc.
RaumbesetzungRäume statt Positionen; jede Lücke wird besetzt — von wem auch immerJeder Raum ist besetzt — egal, von wem
Pressing-PhilosophieHohe Balleroberung durch geringe Abstände im VerbundMannorientiertes Pressing; PPDA-Wert 10,4 (stark)
Angreifer mit RückzugPelé als tiefer Spielmacher, Tostão als falsche 9Kane lässt sich ins Mittelfeld fallen und inszeniert Angriffe
AußenverteidigerCarlos Alberto: offensiver Rechtsverteidiger mit TordrangLaimer rückt ein; Stanisic besetzt den Halbraum
Kreatives PrinzipGinga: Improvisation innerhalb klarer Struktur„Organisiertes Chaos“ mit höchsten Disziplinanforderungen

Harry Kane: Der moderne Pelé?

Ein Vergleich mit Pelé? Das klingt verwegen. Aber schaut man genauer hin: Bei der WM 1970 erfand sich Pelé neu. Aus dem jugendlichen Torjäger wurde ein tiefer Spielmacher, ein Orchester-Dirigent, der Räume schuf und dann selbst in sie stieß. Er ließ sich aus dem Sturmzentrum fallen, zog Innenverteidiger mit — und öffnete damit Bahnen für die nachrückenden Spieler. Exakt das macht Harry Kane in dieser Saison.

Der Engländer ist seit Jahren Bayerns Fixpunkt, sein Name steht für Tore. Doch Kompany nutzt ihn auf eine Art, die über das Stürmer-Dasein weit hinausgeht. Kane kippt auf die Sechserposition ab, strukturiert von dort das Spiel, lockt Innenverteidiger aus ihrer Position und gibt damit Musiala oder Olise den Raum, den sie brauchen. Mit 27 Toren in 33 Champions-League-Einsätzen für Bayern ist Kane als Abschlussqualität ohnehin gesetzt — aber seine Spielintelligenz macht ihn zum Herzstück des Systems.

„Bayern hat mit Kane sogar einen Messi. Der Engländer lässt sich derart oft ins Mittelfeld fallen und inszeniert von dort Angriffe, dass die von ihm freigezogenen Räume von den schnellen Angreifern genutzt werden.“

miasanrot.de (Taktische Analyse aus 2025/26)

Schwachstelle und Erbe des Ginga

Wohlgemerkt: Auch Brasilien 1970 war nicht unfehlbar. Die offensive Ausrichtung, die Positions-Freiheiten, die fließenden Strukturen — all das hinterließ Lücken. Die Brasiliens Klasse war schlicht groß genug, um sie zu überstrahlen.

Bei Bayern ist das strukturell ähnlich. Das mannorientierte Pressing erzeugt Räume im eigenen Rücken, wenn es überspielt wird. Nur zwei Innenverteidiger sichern die letzte Linie ab, wenn die Außenverteidiger hoch stehen.

In der laufenden Saison hat man diese Anfälligkeit bei Kontern bereits gesehen. doch es ist im Vergleich zu den Debakeln gegen Barcelona und Rotterdam aus der Vorsaison deutlich besser geworden. Nicht zuletzt aus diesem Grund darf sich Bayern in dieser Saison berechtigte Hoffnungen auf den Triumph in der Champions League machen.

Fazit: Wenn Schönheit zur Waffe wird

Was Vincent Kompany in München destilliert hat, ist mehr als ein taktisches System. Es ist eine Philosophie — die Überzeugung, dass Schönheit und Effektivität keine Widersprüche sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Dass ein Fußballspiel dann am schwierigsten zu verteidigen ist, wenn es für den Gegner am schwersten vorherzusagen ist.

Letzteres hatten Zagallo, Pelé und Jairzinho vor 56 Jahren schon verstanden. Sie nannten es Ginga. Es war ein Tanz, eine Lebenseinstellung, ein Fußballprinzip. Die Brasilianer gewannen damit nicht nur drei Weltmeistertitel, sondern die Herzen einer ganzen Generation.

Bayern München 2025/26 ist kein Nationalteam voller Pelés. Und Kompany ist kein Zagallo. Aber das Grundgefühl, das von dieser Bayern-Mannschaft beim Zuschauen vermittelt wird — dieses Gefühl, dass hinter jedem scheinbar improvisierten Positionswechsel ein Plan steckt, dass das Chaos organisiert ist, dass Schönheit und Sieg zusammen gedacht werden — das ist urbrasilianisch. Das ist Ginga.